Geld und Herkunft
Mit 354 Euro Regelsatz: warum ich trotzdem Geld abgab
Kurz gesagt
Mit 354 Euro Regelsatz hatte ich keinen Spielraum. Trotzdem gab ich meiner Mutter Geld ab. Warum ich das tat und was mir damals an finanzieller Bildung fehlte.
Als ich 2006 auszog, bekam ich Arbeitslosengeld II. Die Warmmiete sowie Heizkosten wurden vom Amt übernommen, von der GEZ war ich auf Antrag befreit, für meinen Lebensunterhalt blieben 354 Euro im Monat. Das war kein Geld, das ich verteilen konnte. Ich gab trotzdem immer wieder etwas an meine Mutter ab.
Das war aber weder vorbildlich noch emphatisch. Es war eher das Gegenteil: eine alte Bindung, die ich auch nach meinem Auszug nicht los war. Ich wollte endlich Ruhe haben und ein eigenes Leben aufbauen. Gleichzeitig fühlte ich mich noch verantwortlich für eine Frau, die mir selbst nicht helfen konnte.
354 Euro waren kein freies Geld
Ich war noch Schüler und gerade dabei mein Abi zu machen. Von den 354 Euro gingen Strom, Telefon, Internet und ein Fitnessbeitrag ab. Für Essen und Schulmaterial blieb nicht viel. Ich kaufte billig ein, ging die notwendigen Wege zu Fuß und wusste irgendwann ziemlich genau, was ich mir leisten konnte und was nicht.
Der Regelsatz war für mich kein abstrakter Betrag. Er bedeutete, beim Einkauf auf jeden Preis zu achten. Er bedeutete, dass ein zusätzlicher Wunsch meistens warten musste. Und er bedeutete: Wenn ich etwas abgab, fehlte es später bei mir.
„354 Euro waren für mich kein Geld, das ich verteilen konnte.“
Warum ich trotzdem Geld gab
Der Grund war nicht, dass ich genug hatte. Der Grund war, dass ich die Not meiner Mutter noch immer als meine Aufgabe behandelte. Ihre Sucht, die Geldknappheit zu Hause und die vielen Jahre davor hatten diese Haltung tief in mir festgesetzt. Ich wollte helfen, obwohl ich selbst keine Reserve hatte.
Heute würde ich es Co-Abhängigkeit nennen. Damals hatte ich dafür kein klares Wort. Ich merkte nur, dass ich mich nach einer Geldgabe über mich selbst ärgerte, wenn es bei mir für ein paar Tage zu knapp wurde. Kognitiv wusste ich, dass ich mir damit schadete. Emotional fühlte es sich trotzdem falsch an, Nein zu sagen.
Das ist unangenehm zu schreiben, aber es gehört zu meiner Geschichte. Der Auszug hatte die räumliche Distanz geschaffen. Die alte Verantwortung war damit noch nicht verschwunden.
Wenn die eigene Reserve schon zu klein ist
Besonders problematisch wurde es, wenn ich krank war. Einkaufen war dann anstrengender, und ich hatte weniger Spielraum. Hilfe aus meinem Umfeld bekam ich keine oder ich war zu stolz danach zu fragen. Wenn ich zuvor Geld abgegeben hatte, reichte es für mich manchmal ein paar Tage nicht richtig. Ich ärgerte mich darüber, wusste aber nicht, wie ich dieses Muster durchbrechen sollte.
Es geht hier nicht um einen besonderen Verzicht, mit dem man sich schmücken könnte oder wo ein Plan dahinter gewesen wäre. Ich hatte schlicht noch nicht verstanden, dass meine finanzielle Bildung auch eine Grenze braucht: Was ist meine Verantwortung, und was nicht? Einen Betrag zu haben, heißt nicht automatisch, dass er übrig ist.
Finanzielle Bildung beginnt für mich vor dem ersten Sparplan
Wenn heute von finanzieller Bildung die Rede ist, geht es oft um Haushaltsbücher, Sparquoten oder Geldanlagen. Das alles ist sinnvoll. Für mich begann sie früher und einfacher: zu erkennen, dass ich mein eigenes knappes Geld schützen muss.
Mit 354 Euro habe ich gelernt, Preise zu vergleichen und mit wenig auszukommen. Vor allem, dass manches Luxus ist, statt einer Notwendigkeit, wie beispielsweise öfter neue Kleidung kaufen. Was mir fehlte, war die innere Erlaubnis, eine Forderung zurückzuweisen, auch wenn sie aus der eigenen Familie kam. Diese Lücke hat mich im Laufe der Jahre viel Geld gekostet.
Diese Erfahrung ist keine allgemeine Regel für andere Menschen, die Leistungen beziehen oder Angehörige unterstützen. Sie erklärt nur, warum ich damals handelte, obwohl es für mich selbst keine gute Entscheidung war.
Die längere Geschichte über Herkunft, Abhängigkeit und den langsamen Versuch, eigene Entscheidungen zu treffen, schreibe ich für die Warteliste weiter. Wenn du wissen willst, wann das Buch und weitere Texte dazu erscheinen, kannst du dich dort eintragen.
Mehr zur Person: Autor. Die lange Linie: Buch. Trennlinie Erfahrung und Rat: Redaktionelle Hinweise.
Weiterlesen: Was fehlende finanzielle Bildung in einer Familie auslöst, Warum Sparen allein keinen finanziellen Plan ersetzt.
Häufige Fragen
Was blieben 2006 vom Regelsatz übrig?
Die Warmmiete sowie Heizkosten wurden vom Amt übernommen, von der GEZ war ich auf Antrag befreit. Für den Lebensunterhalt blieben 354 Euro im Monat. Davon gingen bei mir Strom, Telefon, Internet und ein Fitnessbeitrag ab.
Warum gab Zinon Heck trotz knapper Mittel Geld ab?
Nicht weil genug da war. Die Not der Mutter galt noch als eigene Aufgabe. Heute würde er das Co-Abhängigkeit nennen. Damals fehlte die innere Erlaubnis, Nein zu sagen.
Was fehlte an finanzieller Bildung?
Nicht erst ein Sparplan. Es fehlte die Grenze: Was ist meine Verantwortung, und was nicht? Einen Betrag zu haben heißt nicht, dass er übrig ist.